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I.   FRANZÖSISCHER  TOURISMUS

Par Volker Dieckmann

1        Image

„Die Nähe von Erfahrungen und Fiktion kennzeichnet... den Tourismus... Der großen Mehrheit heutiger Reisender geht es nicht vorrangig um die Erkenntnis fremder Länder. Vielmehr suchen sie nach Bildern, die in der kollektiven Imagination vorgeprägt sind: ...“ (HENNIG 1998: 7)

·        Savoir-vivre

·        Kultur

·        Gastronomie

·        Verschiedenartigkeit der Landschaften, Regionen, StädteIMAGES sind besonders im Tourismus Wechselspiele: Einerseits machen sich die Touristen selbst von Frankreich bestimmte Vorstellungen, haben diese Erwartungen, Emotionen,  anderseits pflegt Frankreich selbst genau dieses Bild. Die bestimmenden Imagekomponenten prägen das touristische Erscheinungsbild: Ein zentraler Bestandteil des „Firmen-Image“ der „Firma Frankreich“ (ROLSHOVEN 1991: 332f.).Länder, Regionen, Städte, die (allzu sehr) von „ihrem spezifischen Image“ ausscheren, laufen Gefahr, tou­ristische Ein­brüche zu verzeichnen.

2        Tourisme bleu, Tourisme vert, Tourisme blanc

„Bleu, blanc, vert“ bilden nicht nur die visuellen Leitbildfarben der Region Rhône-Alpes, son­dern symbolisieren auch den gesamten französischen Tourismus.

1. Das Litorale (von der Côte d’Opale im Nordwesten ... bis hin zur Côte d’Azur im Südosten) bestimmt den tourisme bleu in Form des Urlaubs am Meer, der eine wichtige, nicht zu unter­schätzende Rolle in Frankreich spielt. Der beste Trumpf kann jedoch nicht stechen, wenn nicht gleichzei­tig ein konsequentes touristisches Umweltmanagement betrieben wird. 2. Im Französischen Jura wurde der tourisme vert geboren (IKENBERG 2004/2005): Franche-Comté als die „grünste der französischen Regionen“ mit ihrer Regionalhauptstadt Besançon, der „grünsten aller fran­zösischen Städte“.  So viel Grün beruhigt zwar, kann aber allein auf Dauer (touristisch) lang­weilig sein?3. Frankreich sieht sich beim tourisme blanc gern als „größtes Skigebiet der Welt“ mit den ewig typisch französischen „villages de charmes“ und den ständig innovativen „nouvelles glisses“.

3        Tourisme de santé

In Zeiten eines gesteigerten Gesundheitsbewusstseins und einer Wellness-Kultur verfügt Frankreich mit 1.200 Quellen und mehr als 100 klassifi­zierten stations thermales über ein großes gesundheitsförderndes Poten­tial.

Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Thalassotherapie. Das erste moderne Institut wurde in den 60er Jahren auf Betreiben von Louis Bobet (dreifacher Gewinner der Tour de France) in Quiberon eröff­net.

Bei einer konsequenten zielgerichteten Vermarktung sind die „Heilwirkungen“ dieser touristischen Form: Verjüngung der Kundschaft, Erweiterung/Erneuerung des touristischen Angebotes, Katalysator für die Wirtschaft (u.a.) (BARON-YELLES 1999. 113f.).

4        Tourisme industriel

Trotz der abschreckenden und z.T. irreführenden Bezeichnung erfreut sich dieser  touristische Typus in Frankreich steigender Beliebtheit.

Dabei ist die Spannbreite des „patrimoine industriel“ relativ groß: Von mittelgroßen hand­werklichen Betrieben über grö­ßere industrielle Einheiten bis hin zu Kraft­werken sowie auch Museen mit einer technischen/industriellen Thematik und Ecomusées.

5        Tourismus und Côte d’Azur[1]

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Côte d’Azur ist eine Erfindung. Ein Mythos von Glückseligkeit(Merian 5/52, 1999: 3).„Freilich, sie ist azurblau, unsere Küste! Und purpurfarben und goldgetönt, und sie strahlt und zittert vor Lebensfreude ... „ (Merian 1/14, 1961: 3).„Woher hat diese blaue Küste ihren großen Ruhm? Warum bleibt diese Côte d’Azur durch verschiedene Jahrzehnte d e r Vergnügungs- und Erholungsstrand des Kontinents, der Welt? The Coast of Pleasure - Die Riviera: Legende von Luxus, Glanz, rollender Kugel, Hermelinpelz und Champagnerseligkeit“ (MANN/MANN 1931: 7)

.„Die Côte d’Azur gibt es nicht ... Sie ist eine Erfindung des Tourismus ... Die Côte d’Azur ist ein Produkt, kein Landstrich ... Man verkauft einen Traum mit einem bekannten und aner­kann­ten Markenzeichen“ (MILLE 1981: 10 (Merian 5/34), Hervorhebung v. Verf.).(Alle Zitate im Original nicht fett und nicht kursiv.)

Wo steckt dann heute der élan vital, das ungebrochene Leuchten der Côte d’Azur? Oder ist die älteste Tourismuslandschaft der Welt zur permanenten Nostalgieshow gekippt, in der der Tourismus seine eigene Geschichte besichtigt?“ (Merian 4/59, 2006:28)Tourismus und Tourismusgeschichte sind seit mehr als 200 Jahren eng mit dem Küsten­streifen zwischen Marseille und Menton verbunden: Côte d’Azur - Französi­sche/French Riviera - Riviera.

Obwohl die Küste geologisch, klimatisch, historisch und kulturell als Ensemble angesehen werden kann -LEGLER 1985:286-, sind die mediterranen Teilabschnitte im Detail doch sehr unterschiedlich.Nichtsdestoweniger oder gerade deshalb versteht sich die Destination zwischen Cannes und Menton (Département Alpes-Maritimes und Fürstentum Monaco) als die „wahre, ei­gentliche“ Côte: „La Côte d’Azur des Connaisseurs“.

Über Jahre und Jahrzehnte hinweg erlebt die Côte d’Azur immer wieder positive „blaue Wunder“: Sollte es sich für immer bewahrheiten (?), was auch der angesehene französische Tourismus­forscher und Soziologe Jean-Didier Urbain über die Blaue Küste sagt: „Die Côte d’Azur bleibt ein mythischer Ort ... Zwischen Menton und Saint-Tropez ... realisiert man jähr­lich 1% des touristischen Weltumsatzes; keine einzige Region auf dem Globus macht es bes­ser“ (Le Figaro, 1. Juli 1999: 16; Übersetzung).

Die immer wieder genannten Reisemotive -Positivimage- für die Côte d’Azur sind Sonne/Strand/Meer, Feste, Küche („Helios“, „Poseidon“, „Dionysos“)[2];  Kultur u. Tradi­tion; Hinterland. Die Hauptgründe, nicht oder nicht wieder an die Côte zu kom­men, begründen das Negativimage: „zu viele Menschen,  zu teuer, zu viel Beton, zu snobistisch“.

Die angeführten Imagefaktoren wirken z.T. sehr stereotyp und abgegriffen, sie werden jedoch insbesondere im Zusammenhang mit der Côte d’Azur immer wieder angeführt und prägen den azurenen Tourismus und den mediterranen Touristen: Man hat einen blauen Traum oder malt sich ihn von seiner Riviera aus, man sucht ihn und will ihn in dieser Desti­nation so vorfinden und erleben.„Und wenn man ein Weilchen sitzen bleibt, begreift man auch den Trick der Côte d’Azur. Man muss aufs Meer blicken. Wenn die Sonne so aufs Meer scheint, dass es in allen Blautönen schimmert, rollt irgendwann eine Woge des Glücks an den Strand, die schließlich über den Beobachter schwappt. Und es dauert zehn Minuten, vielleicht eine Stunde, und man hat  ein Lächeln im Gesicht“ (ADAC traveller 1/2005: 177).

LITERATUR

BARON-YELLÈS, NACIMA 1999: Le tourisme en France, Territorires et stratégies, Paris

DALL’ ARA, GIANCARLO 1990:  Perché le persone vanno in vacanza?,  Milano

HENNIG, CHRISTOPH 1998: Zur Einführung: Reisen und Imagination,   in:

           GOHLIS, TOBIAS u.a. (Hrsg.), Voyage - Jahrbuch für Reise- & Tourismusforschung, Bd. 2, Köln: 7-9

IKENBERG, HANS 2004/2005:  Das Land am Doubs - Französischer Jura,         3. Aufl., Badenweiler

 LEGLER, ROLF 1985: Côte d’Azur - Frankreichs Mittelmeerküste von Marseille bis Menton, 4. Aufl., Köln

LIEGEARD, STEPHEN 1888: La Côte d’Azur, 2. Aufl., réimpression photographique de l’édition de Paris 1894, Editions Serre, Nice 1988

MANN; ERIKA/MANN, KLAUS  1931: Riviera - Was nicht im „Baedeker“ steht, Band XIV, R. Piper & Co./Verlag, München, fotomechanischer Nachdruck, Connewitzer Verlags­buchhandlung, Leipzig 1997

MILLE, RAOUL 1981: Mythos mit Schattenseiten, in: Merian 5/34: Monaco Côte d’Azur, Hamburg: 10ff.

ROLSHOVEN, JOHANNA 1991:  Provencebild mit Lavendel: Die Kulturgeschichte eines Duftes in seiner Region, Bremen Merian 1/14, 1961: Französische Riviera, Hamburg

Merian 5/52, 1999: Côte d’Azur, Hamburg

Merian 4/59, 2006: Provence, Côte d’Azur, Hamburg

Touriscope Côte d’Azur 1999: Panorama, Nice

ADAC traveller 1/2005, München


[1]    Namengebung/Etikettierung: In einem 1887 (1. Aufl.) veröffentlichten Buch mit dem Titel       "La Côte d'Azur" beschreibt ein französischer Autor -Stéphen Liégeard- in einer blumigen Sprache und dennoch sehr exakt die mediter­rane Bordüre zwischen Marseille und Genua. Als "brand" und Begriff hat sich "Côte d'Azur" jedoch nur für den französischen Küstensaum durchgesetzt.

       Kann somit Liégeard als "Vater" des Marketing für diese Destination angesehen werden? (Touriscope Côte d'Azur 1999: Panorama: 2).                                                                                                                                                          

[2]      Zu einer interessanten und umstrittenen „mythischen/mythologischen“ Erklärung der Reisemotive siehe die Mitografia von DALL ‘ARA 1990: 101-122.